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Clemens J. Setz: Der Trost runder Dinge (Erzählungen, Suhrkamp Februar 2019, 320 Seiten)

Nichts ist, wie es scheint. Clemens Setz führt es uns in seinen wundervollen neuen Erzählungen geistvoll, witzig und stilistisch erstklassig vor. Das Absurde trägt auf den ersten Blick ein ganz gewöhnliches Gewand. So manches unglückliche Mal bleibt der Elektroschocker in der Hosentasche eine verborgene Möglichkeit. Jeder Text des jungen Österreichers zieht uns in seinen Bann, mit Zärtlichkeit und doppeltem Boden. Ein Lesegenuss, nicht nur für Zartbesaitete.

Ingo Schulze: Peter Holtz – Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst (Roman, DTV Taschenbuch März 2019, 576 Seiten)

Glück für alle ist möglich. Peter Holtz jedenfalls kämpft für nichts Geringeres. Der Schelmenroman unserer Zeit, da ist er. Nicht immer ganz ernst genommen, haben wir viel Freude daran. Ingo Schulze erzählt offenherzig von Unglaublichem, nimmt sich dann wieder tragischer Momente an. Den Gutmütigen die Welt! Oder wohin mit einem unnützen Batzen Geld? Große Freude beim Lesen für unentwegt hoffende Zeitgenossen. Für Zweifler womöglich auch.

Harald Welzer: Alles könnte anders sein – Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen (S. Fischer Februar 2019, 320 Seiten)

Städte ohne Autos, garantiertes Grundeinkommen, kein Konsumirrsinn mehr, wahre Rücksicht auf unsere natürlichen Lebensgrundlagen. Wer hat nicht schon mindestens eine dieser Zukunftsvisionen vor dem geistigen Auge gehabt. Harald Welzer fasst sie alle schön zusammen. Nach dem Baukastenprinzip entsteht ein Gesellschaftsmodell, in dem Arbeit kein Fetisch und echte Solidarität Maßstab des Zusammenlebens ist. Eine Revolution der Ideen in kleinen Schritten schwebt H. W. vor. Und, wer macht mit?

Jaroslav Rudis: Winterbergs letzte Reise (Roman, Luchterhand Februar 2019, 544 Seiten)

Ein lustiger Roman, umfangreich, abschweifend, monologisch. Lustig im Sinne von humorvoll, abschweifend wie eine Eisenbahnfahrt, die kein Nebengleis auslässt. Jaroslav Rudis liebt die sächsisch-böhmische Geschichte und das Budweiser. Oder darf es ein Pilsener sein? Der uralte Wenzel Winterberg wird auf seiner letzten Reise noch einmal zum Leben erweckt. Er schwatzt drauflos, eingedenk der verlorenen Schlacht von Königgrätz 1866. Unschwer sich vorzustellen: Seither ging es bergab, in jeder Hinsicht. Außer beim Bier.

Erich Kästner: Der Gang vor die Hunde (Roman, Atrium 6. Auflage 2018, 313 Seiten)

Im Kästner-Jubiläumsjahr – 120. Geburtstag – kommt der aufmerksame Leser an dieser Urfassung des "Fabian" nicht vorbei. Erich Kästner außergewöhnlich frivol, unverblümt, expressiv. Herausgeber Sven Hanuschek hat der Farbigkeit des einst drastisch beschnittenen Werks ungeahnten neuen Glanz verschafft. Der Herr Dr. Jakob Fabian ist zum Außenseitertum verurteilt. Doch welchen Abstieg würde das heutzutage erst bedeuten? Ein sehr gern besessenes Buch, völlig zu Recht.

Tschabua Amiredschibi: Data Tutaschchia, der edle Räuber vom Kaukasus (Roman, Kröner Juli 2018, 695 Seiten)

Sprachliche Schönheit, poetische Bilder, Spannung, philosophischer Tiefgang – dieses Buch gehört zu den Schätzen der modernen georgischen Literatur. Der Räuber vom Kaukasus war Legende zu Lebzeiten, kämpfte mit Herz gegen Rücksichtslosigkeit und Kleinmut seiner Zeitgenossen. 1885 musste er als Gesetzloser in den Untergrund abtauchen. Ein georgischer Don Quijote, der als veritabler Krimiheld durchgeht. Tschabua Amiredschibi, literarischer Barde, wurde dank seines urwüchsigen Protagonisten so etwas wie Nationalheld.