Blue Flower

Lutz Seiler: Stern 111 (Roman, Suhrkamp März 2020, 528 Seiten)

Seiler strukturiert, nicht ganz so verwegen wie im Kruso, aber wieder schön poetisch. Wer sonst kann eine abgedrehte Hausbesetzerszene sprachlich derart reich beschreiben? Erst geht das ziemlich mysteriöse Elternpaar verloren, dann trotz aller Mühen noch die Liebste. Stillen Trost schenkt ein (legendäres?) Kofferradio oder vielleicht nur die Erinnerung daran. Dafür sehen wir Schieke vor uns, wie er heute im digitalen Funk das Feuilleton spricht. Und erleben obendrein, auf welche (mögliche, unmögliche) Weise Dichtung entsteht, sowie dass sie schiere Kämpfe braucht. Ein Hoch dem Reim, wenn er nur destruktiv genug ist.

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder (Roman, S. Fischer März 2020, 318 Seiten)

Was waren das für Zeiten! In Dresdner Gefilden sprach es sich einst noch herum, das bewunderungswürdige Dasein des Buchantiquars Norbert Paulini. Sein Reich in Blasewitz war Treffpunkt Literaturbeflissener. Wer von ihm als solcher anerkannt war, durfte sich geadelt fühlen. Ingo Schulze erzählt leicht wehmütig von der Welt wertvoller Bücher in Samt und Leder. Unser tragischer Held kam mysteriös im goldenen Elbsandsteingebirge zu Tode. Anders war es jetzt wohl auch kaum zu vermuten.

Jaroslav Rudis: Winterbergs letzte Reise (Roman, Luchterhand Februar 2019, 544 Seiten)

Ein lustiger Roman, umfangreich, abschweifend, monologisch. Lustig im Sinne von humorvoll, abschweifend wie eine Eisenbahnfahrt, die kein Nebengleis auslässt. Jaroslav Rudis liebt die sächsisch-böhmische Geschichte und das Budweiser. Oder darf es ein Pilsener sein? Der uralte Wenzel Winterberg wird auf seiner letzten Reise noch einmal zum Leben erweckt. Er schwatzt drauflos, eingedenk der verlorenen Schlacht von Königgrätz 1866. Unschwer sich vorzustellen: Seither ging es bergab, in jeder Hinsicht. Außer beim Bier.

Clemens J. Setz: Der Trost runder Dinge (Erzählungen, Suhrkamp Februar 2019, 320 Seiten)

Nichts ist, wie es scheint. Clemens Setz führt es uns in seinen wundervollen neuen Erzählungen geistvoll, witzig und stilistisch erstklassig vor. Das Absurde trägt auf den ersten Blick ein ganz gewöhnliches Gewand. So manches unglückliche Mal bleibt der Elektroschocker in der Hosentasche eine verborgene Möglichkeit. Nehmen wir wirklich den Nachbarn vor dem Haus wahr oder nur sein Phantom? Jeder Text des jungen Österreichers zieht uns in seinen Bann, mit Zärtlichkeit und doppeltem Boden. Ein Lesegenuss, nicht nur für Zartbesaitete.

Erich Kästner: Der Gang vor die Hunde (Roman, Atrium, 313 Seiten)

Seit dem Kästner-Jubiläumsjahr 2019 - einhundertzwanzigster Geburtstag des weltberühmten Dresdners - kommt der aufmerksame Leser an dieser Urfassung des "Fabian" nicht vorbei. Erich Kästner außergewöhnlich frivol, unverblümt, expressiv. Herausgeber Sven Hanuschek hat der Farbigkeit des einst drastisch beschnittenen Werks ungeahnten neuen Glanz verschafft. Der Herr Dr. Jakob Fabian ist zum unfreiwilligen Außenseitertum verurteilt. Doch welchen Abstieg würde das heutzutage erst bedeuten? Ein sehr gern besessenes Buch, völlig zu Recht.

Ewald Arenz: Alte Sorten (Dumont März 2019, 256 Seiten)

Sally und Liss auf dem Weinberg. Zunächst können die beiden Frauen unterschiedlicher nicht sein. Ewald Arenz führt aber sehr behutsam und still zu ihrer großen Gemeinsamkeit hin: tiefe eigene Verletzungen mit ins Leben zu nehmen. Sie nicht vor allen zu verbergen, was so einfach wäre. Fragile Wandlungen inmitten reifer Obstbäume und emsiger Bienen. Noch selten hat ein Frauenbuch, das zudem von ländlicher Pseudo-Idylle handelt, so überzeugen können. Alles Plakative bleibt fern, die einfache Sprache spürt ganz fein dem Innersten der beiden Figuren nach.